Kohl und Pinkel in Bremen
So funktioniert die kohlossalste Tradition des Nordens
Was ist eigentlich eine Kohlfahrt?
Wer zwischen November und März durch Bremen spaziert, wird ihnen unweigerlich begegnen: Gruppen in bester Laune, mit bunten Bändern um den Hals, einem Bollerwagen im Schlepptau und einer Vorfreude, die man schon von Weitem spürt. Das ist keine Demonstration und kein Karnevalsumzug – das ist eine Kohlfahrt, und sie gehört zu Bremen wie die Stadtmusikanten.
Das Prinzip ist so einfach wie genial: Eine Gruppe – Kolleginnen und Kollegen, der Sportverein, der Freundeskreis – zieht gemeinsam durch die Stadt oder ins Grüne. Unterwegs wird gespielt, gelacht und bei Bedarf mit einem wärmenden Schluck aus dem Bollerwagen angestoßen. Das Ziel: ein gedeckter Tisch mit dampfendem Grünkohl, herzhafter Pinkelwurst und allem, was dazugehört. Und am Ende wird ein Kohlkönigspaar gekürt, das im nächsten Jahr die Ehre hat, die ganze Sache zu organisieren.
Obwohl die Kohlfahrt als urbremerisch gilt, liegt ihr Ursprung im Oldenburger Land. Der Oldenburger Turnerbund ging 1871 auf eine Winterturnfahrt – und kehrte in Wiefelstede zum Grünkohl ein. Das schmeckte so gut, dass daraus eine alljährliche Tradition wurde. Bremen hat sie übernommen, perfektioniert und um eine entscheidende Zutat ergänzt: die Weser.
Braunkohl, Pinkel und Hochzeitssuppe – Was kommt auf den Tisch?
Echte Bremer sagen nicht Grünkohl. Sie sagen Braunkohl – denn durch das lange Kochen mit Schmalz und Speck nimmt der Kohl eine satte braune Farbe an. Das ist kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal und Grund genug für eine legendäre Bremer Anekdote: Ein auswärtiger Gast soll einst einen Gastwirt verklagt haben, weil er ihm vermeintlich aufgewärmtes Essen servierte. Der Wirt gewann – es war eben Braunkohl, keine Reste.
Die Besetzung auf dem Teller ist klar geregelt: Braunkohl mit Pinkel (einer geräucherten Grützwurst aus Hafergrütze, Speck und Zwiebeln), dazu Kassler, Kochwurst, Bauchfleisch und Salzkartoffeln. Vorweg kommt die Hochzeitssuppe mit Hühnerfleisch, Eierstich und Gemüse – eine Bremer Tradition, die nichts mit Heiraten zu tun hat, sondern schlicht „hoch“ im Sinne von festlich meint. Den Abschluss bildet Rote Grütze mit Vanillesauce.
Und wer kein Fleisch isst? Kein Problem – veganer Grünkohl mit Räuchertofu und veganer Bratwurst hat sich als Ausweichessen etabliert. Die Tradition lebt schließlich vom Beisammensein, nicht von der Wurstsorte.
Die Spielregeln: Bollerwagen, Spiele und die Königskrönung
Eine Kohlfahrt ohne Spiele ist wie Bremen ohne Weser: denkbar, aber sinnlos. Während der Wanderung sammeln die Teilnehmenden bei teils absurd kreativen Herausforderungen Punkte – vom Gummistiefelweitwurf über Baumscheibenrollen bis zum Teebeutelweitwerfen. Wer am Ende die meisten Punkte hat, wird zum Kohlkönig oder zur Kohlkönigin gekrönt. In manchen Runden geschieht das mit einem Schweineunterkiefer, in den die Namen eingraviert werden – stilecht und definitiv keine Massenware.
Die Krönung ist Ehre und Bürde zugleich: Das Königspaar organisiert im Folgejahr die nächste Kohlfahrt. Route, Spiele, Restaurant – alles liegt in ihrer Hand. Manche nehmen diese Aufgabe so ernst wie ein Staatsamt. Zurecht.
Und der Bollerwagen? Er ist das Herzstück jeder Kohltour. In ihm reisen Proviant, Thermoskannen und das ein oder andere Kaltgetränk. Wichtig: Am Zielort muss er irgendwo hin. Wer seine Kohlfahrt auf dem Schiff oder im Café Sand ausklingen lässt, kann den Bollerwagen (eine Nacht und nur im Café Sand) bei uns unterstellen – denn nach einer gelungenen Party hat niemand Lust, ihn nachts durch Bremen zu ziehen.
An der Weser oder auf der Weser – Kohl und Pinkel in Bremen erleben
Die meisten Kohlfahrten enden in einem Gasthaus. Aber Bremen bietet eine Möglichkeit, die es sonst nirgendwo gibt: Kohl und Pinkel auf dem Wasser.
- Kohlparty an Bord: Ihre Gruppe kommt nach der Wanderung am Martinianleger an, wird mit einem Begrüßungsschnaps empfangen – und dann legt das Schiff ab. Während die winterliche Weser an Ihnen vorbeizieht, dampft der Braunkohl schon auf dem Büfett. Hochzeitssuppe, Pinkel, Kassler, das volle Programm. Und wenn alle satt sind, sorgt der DJ dafür, dass die Party erst richtig losgeht. Wer All-inclusive bucht, hat auch bei den Getränken freie Fahrt. Für Gäste aus Bremen-Nord legt das Schiff übrigens auch in Vegesack an – so lässt sich die Kohltour mit einer Weserfahrt kombinieren, ohne den Rückweg planen zu müssen.
- Kohlparty im Café Sand: Eine kurze Fahrt mit der Fähre bringt Sie über die Weser zum Café Sand am Weserstrand. Hier wird am Tisch serviert, die Atmosphäre ist etwas intimer – aber nicht weniger feierlich. Nach dem Essen gehört die Tanzfläche Ihnen. Ein DJ sorgt für die gute Stimmung.
- Kohlschmaus am Sonntagmittag: Für alle, die den Kohl ohne Party genießen möchten, gibt es den Kohlschmaus am Sonntagmittag: drei Stunden auf der Weser, das komplette Menü, ein Begrüßungsschnaps – und danach ein entspannter Sonntag statt einer langen Nacht.
Kohlsaison in Bremen: Von November bis März
Die Kohlsaison beginnt traditionell mit dem ersten Frost und endet im März. In dieser Zeit sind Bremer Freitag- und Samstagabende fest in Kohlfahrerhand. Besonders Vereine und Firmengruppen sollten früh reservieren – die beliebtesten Termine sind erfahrungsgemäß schnell vergriffen. Und wer als Gast in Bremen zum ersten Mal eine Kohlfahrt erlebt: Willkommen bei einer der herzlichsten Wintertraditionen Norddeutschlands. Es wird laut, es wird deftig, und es wird garantiert unvergesslich.